Willenskraft

Heute hab ich am eigenen Leib erfahren, dass das eventuell stimmen könnte, was wir unseren Kunden dauernd daherpredigen: Grenzen sind im Kopf. Und das, was ich in meinem Blogartikel zum Thema Erschöpfung geschrieben hab, dürfte offenbar auch kein völliger Blödsinn sein.

Ich habe ja seit nunmehr einem guten Jahr das Vergnügen, von Herrn Preihs daselbst trainiert zu werden. Dass das nicht immer lustig ist, versteht sich von selbst. Aber heute hatte er ein besonderes Schmankerl auf Lager. Und das Resultat hat mir so sehr zu denken gegeben, dass es mir jetzt nicht zu blöd ist, einen Blogartikel darüber zu schreiben, obwohl ich 3 andere Dinge zu tun hätte.

Ein Blick auf den heutigen Trainingsplan hatte mich schon gestern mit einer interessanten Mischung aus Widerwillen und Skepsis erfüllt: 10 x 8 Minuten auf Anschlag - wie soll i des datredn? Entsprechend hoch war der Graus beim Aufs-Rad-Steigen. Wie 10 unüberwindbare Hindernisse standen diese 8 Minuten langen Wattsäulen zwar noch nicht auf dem Display des Ergometers - aber in meinem Kopf.

Was solls - rauf und treten. Erstes Intervall: ich freue mich über 270 Watt. Und nehm mir vor, das zweite und dritte auch so hoch zu treten. Mit großem Zweifel, ob denn das zu schaffen sei. Naja - irgendwie ist es gegangen. Egal. Vier und Fünf auch noch auf 270, dann schalt ich auf 250 runter ... alle 10 so durchzutreten - völlig illusorisch!

Doch da - im Moment meiner höchsten Zufriedenheit, weil ich in der Tat bis zum Ende des fünften Intervalls durchgehalten hatte - ereilte mich jäh gar abscheuliche Kunde:

Ok - Wos soi der Scheiß?  Nach exakt dreiminütigem Pro-Forma-Protest (15:09 bis 15:12 Uhr - siehe Anhang; mit kurzem Rezidiv infolge erneuter Strafverschärfung um 15:26 Uhr) ergebe ich mich meinem Schicksal (15:13 Uhr - siehe Anhang). 35 x 8 Minuten Intervall ergibt trainingsphysiologisch keinen Sinn für mich. Also entweder will er mich wieder einmal brechen oder er will, dass ich mich komplett abstech. In Ermangelung an Alternativen ergebe ich mich meinem Schicksal. Hol mir was zum Essen. Fahr weiter. Vielleicht hab ich ja Glück und er pfeift mich in 4 Stunden runter.

In dem Moment ist etwas passiert: Die Aufgabe lautete jetzt nicht mehr 2 Stunden auf Anspeiben, sondern 8 Stunden auf Anspeiben. Ich habe mich damit abgefunden und darauf eingestellt. So ist es jetzt nun mal. Die Perspektive hat sich geändert. Das Ziel ist jetzt wo anders.

Wo anders war auch die Laune meines Ehegatten, als er über die mehrstündige Blockierung des Ergometers erfuhr: beim Teufel nämlich. Da saß ich also auf dem Rad - Schelte und Unmut von der einen Seite - "Net sudern"-Rufe von der anderen. Wie schön. Aber ein mustergültiges Anwendebeispiel für die sich allgemein größter Beliebtheit erfreuende Floskel "Es hüft nix." - also Musik noch einen Deut mehr in Richtung Trommelfellschädigung und weitertreten. Doch plötzlich - als ich mir gerade ausrechnete, wie spät es wohl sein würde, wenn ich vom Rad runtersteige, und ob der Billa dann noch offen haben wird - das, was ich frühestens in drei Stunden erwartet hätte: 

Freude und Erleichterung. Und wieder eine Änderung der Perspektive: um 15:09 Uhr waren es noch 5 schreckliche Intervalle. Jetzt sind es nur mehr 5. Begleitet von einem Anflug schlechten Gewissens: Soll ich jetzt wirklich schon nach 10 Intervallen aufhören? Und dann passierte das, was mich wirklich selber nachhaltig in Staunen versetzte: 

Auf einmal ging es nicht nur psychisch leichter, sondern auch physisch. Die 270 Watt waren leichter. Ich wollte sie bis zum Schluss durchtreten. Das hab ich nicht geschafft - denn bei Nummer 10 konnte ich nicht widerstehen und hab sogar noch auf 290 raufgeschalten. Weil ichs wissen wollt. Und: Es ist bis zum Schluss gegangen.

Wäre nicht mittendrin die plötzlich völlig veränderte Aussicht und der deutlich nach hinten verlagerte Endpunkt der Qual - resultierend in einer Änderung der psychischen Einstellung zur Belastungsdauer - im Gefolge eines hinterfotzig harmlos klingenden WhatsApp-Benachrichtigungstons aufgetreten - ich schwörs: Ich hätt das nie geschafft.

Synopsis: viel gelernt; müde, aber inspiriert. Und ein bissl hungrig. Was in Kombination mit Punkt 2 ("müde") in "Essen vom Inder holen" resultiert.

18:51 Uhr. Eigentlich müsste ich jetzt noch gute 2 Stunden am Rad sitzen. Aber ich bin geduscht, war einkaufen und habe einen Blogartikel geschrieben. Das Leben ist schön. Und immer eine Frage der Perspektive.